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Die 10 beliebtesten Vorurteile über die Musikindustrie

In Gesprächen und Berichten über Vergangenheit und Zukunft der Musikindustrie werden immer wieder die gleichen Meinungen und Vorurteile geäußert. Zeit für eine kritische Bestandsaufnahme und nähere Betrachtung der Fakten. Nachstehend die Liste der zehn beliebtesten Vorurteile über die Musikindustrie mit den dazugehörigen Antworten:

Vorurteil Nr. 1: Die Musikindustrie hat das Internet verschlafen

Zugegeben, die Musikindustrie war nicht an vorderster Front, als es galt, die Möglichkeiten dieses neuen Mediums für sich zu erschließen. Bei aller berechtigten Kritik hat sich die Branche aber nach zögerlichen Anfängen schnell auf die veränderten Rahmenbedingungen eingestellt und gilt heute in der Medienlandschaft sogar als einer der Vorreiter dafür, wie man ein funktionierendes digitales Angebot schaffen kann. So sind heute weltweit rund 30 Millionen Musiktitel online verfügbar. Allein in Deutschland gibt es knapp 100 Musikdienste im Netz – vom Downloadshop über Bestelloptionen für CDs bis hin zu den zahlreichen Streamingdiensten. Einen Überblick über das vielfältige Angebotsspektrum gibt die Initiative PLAYFAIR, die dabei hilft, solche Bezahldienste zu erkennen, die legal sind und Künstler und ihre Partner auch wirklich an den Einnahmen beteiligen.

Vorurteil Nr. 2: Das Internet hat die Musikfirmen überflüssig gemacht

Trotz mehrerer Millionen Band- und Artist-Websites auf Communities wie MySpace hat es in den 15 Jahren seit Start des World Wide Web vielleicht eine Handvoll Künstler wie beispielsweise die Arctic Monkeys geschafft, über das Netz einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu werden. Und diese haben sich dann meist schnell unter das Dach einer Musikfirma begeben. Bei anderen Beispielen erfolgreicher Selbstvermarktung – wie im Fall der Band Radiohead – handelt es sich meist um etablierte Künstler, die ihre Bekanntheit in klassischen Strukturen erworben haben. Projekte wie SellaBand – wo Fans durch ihre finanzielle Beteiligung das erste Album einer Band finanzieren können – sind spannend, stellen aber in der Regel nur eine zusätzliche Option der Finanzierung dar, die nicht für alle passen muss.

Grundsätzlich ist das Musikgeschäft partnerschaftlich organisiert: Jeder sucht sich freiwillig seine Partner am Markt. Musikfirmen nehmen dem Künstler Arbeit ab, damit dieser sich auf das Musikmachen konzentrieren kann. Mit dem Internet hat die Komplexität der Musikvermarktung und des Musikverkaufes erheblich zugenommen und damit auch die Bedeutung von Musikfirmen als Partner der Kreativen. Kein Künstler kann alle potenziellen physischen und digitalen Medien- und Vertriebskanäle bespielen und sich gleichzeitig auf das Machen von Musik konzentrieren. Vor allem aber kann die Selbstvermarktung die wichtigste Funktion der Labels nicht ersetzen: Viele junge Talente können nur dadurch gefördert und bekannt werden, weil Musikfirmen das Geld, was sie mit etablierten Künstlern verdienen, zu einem großen Teil in den Nachwuchs investieren. Ein System, das eine einzigartige Vielfalt an qualitativ hochwertiger Musik geschaffen hat.

Vorurteil Nr. 3: Musikdiebstahl im Netz lässt sich nicht bekämpfen

Nachdem verschiedene Aufklärungskampagnen wirkungslos verpufft waren und die Zahl der illegalen Downloads in immer astronomischere Höhen stieg, haben sich die Musikfirmen 2004 entschlossen, juristisch gegen illegale Uploader von Musik vorzugehen.

Die konsequente Durchsetzung der Rechte des geistigen Eigentums, darunter auch die Abmahnungen, haben ihre Erfolge gezeigt. Deutschland hat heute eine der niedrigsten Piraterieraten weltweit, da Verfahren in hohen Fallzahlen aufgrund der rechtlichen Situation nur in Deutschland möglich sind. Ziel der Abmahnungen bleibt die Eindämmung der illegalen Musikbeschaffung. Der Versand von Abmahnungen war und ist für die Branche kein „Geschäftsmodell“. Die Schadensersatzzahlungen machen ohnehin nur einen Bruchteil der durch Musikdiebstahl im Netz verursachten Verluste aus.

Leider beläuft sich hierzulande die Zahl derer, die ihre Medieninhalte illegal per Tauschbörse oder Sharehoster beziehen, nach wie vor auf fast sechs Millionen Menschen - und das, obwohl die Musikindustrie längst günstige und legale Angebote geschaffen hat. An dieser Stelle ist vor allem die Politik gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, die den legalen Diensten Vorfahrt geben und dabei helfen, die Nutzung illegaler Angebote einzudämmen.

Vorurteil Nr. 4: Die Musikindustrie kriminalisiert ihre Kunden

Hier werden gerne Ursache und Wirkung durcheinandergebracht. Gäbe es keine massenhaften illegalen Downloads, müsste sich die Branche auch nicht zur Wehr setzen. Aber auch wenn das konsequente juristische Vorgehen gegen Internetpiraterie Erfolge zeigt, würde die Industrie gerne auf Abmahnungen verzichten und präferiert deshalb ein Warnmodell, wie es in Frankreich und anderen Ländern umgesetzt wird. Dabei werden bei Urheberrechtsverletzungen im Internet zunächst Warnhinweise verschickt. Die Betroffenen haben so die Möglichkeit, ihr illegales Handeln ohne juristische oder finanzielle Folgen einzustellen.

Viele Bürger zeigen übrigens Verständnis dafür, dass sich die Musikindustrie gegen illegale Angebote verteidigt. So zeigte die Studie zur Digitalen Content-Nutzung 2013, dass es Zwei Drittel der Bevölkerung b als unfair bewertet, wenn einige Menschen illegale Angebote nutzen, während diejenigen, die sich legal verhalten, dafür zahlen müssen. 61 Prozent befürchten, dass Verluste durch Urheberrechtsverletzungen in die legalen Medien-Angebote eingepreist werden und diese verteuern. Dementsprechend finden auch bisher gängige Rechtfertigungsstrategien für Urheberrechtsverletzungen kaum mehr Zuspruch. So vertritt nur sechs Prozent der Bevölkerung die Auffassung, illegales Filesharing sei nicht so schlimm, weil es so viele machten.

Vorurteil Nr. 5: Illegale Downloads schaden der Musikindustrie nicht, sondern fördern den Musikverkauf

Verschiedene Studien versuchen den Nachweis zu erbringen, dass es keinen Zusammenhang zwischen illegalen Downloads und den Umsatzrückgängen in der Musikindustrie gibt. Oft reicht ein kritischer Blick auf die Studien, um methodische Fehler zu entlarven. Besonders beliebt ist es, das Kaufverhalten musikinteressierter Filesharer mit dem Kaufverhalten der nur teilweise musikaffinen Gesamtbevölkerung zu vergleichen. Das ergibt dann die Schlagzeile: Filesharer kaufen mehr Musik. Was gelinde gesagt völliger Blödsinn ist.

Seit dem Aufkommen von Tauschbörsen und der massenhaften Verbreitung von CD-Brennern ab der Jahrtausendwende sind die Umsätze der deutschen Musikindustrie trotz ständig steigender Musiknutzung um mehr als 40 Prozent zurückgegangen. Nachdem in Schweden Anfang 2009 ein Gesetz in Kraft getreten war, das die Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen im Internet ermöglicht, ging der P2P-Datenverkehr massiv zurück und die Umsätze der Musikindustrie zweistellig nach oben.

Vorurteil Nr. 6: Künstler und Musikfirmen erhalten für Privatkopien eine angemessene Vergütung

Das wäre schön, wenn es so wäre. So erhielten die Künstler und Labels zum Beispiel in 2008 für rund 370 Millionen CD-Kopien und 26 Milliarden gespeicherte Musikdateien eine Vergütung von rund 30 Millionen Euro. Ein schlechtes Geschäft. Denn wäre nur jede zehnte gebrannte CD stattdessen gekauft worden, wären über 300 Millionen Euro geflossen. Das zeigt, dass man hier nicht von einer „angemessenen Vergütung" sprechen kann.

Viele Privatkopien entstehen in einer Grauzone zwischen Recht und Unrecht. Seit längerem plädiert die Industrie deshalb für eine Überarbeitung des Gesetzes aus den 60er Jahren, als CD-Brenner, MP3-Player und das Internet allenfalls in der Fantasie von Science-Fiction-Autoren existierten. Jeder der Musik kauft, sollte die Möglichkeit haben, diese für den eigenen Bedarf auf verschiedene Abspielgeräte zu kopieren. Allerdings sollten Privatkopien nach Auffassung des Bundesverbandes Musikindustrie auf Kopien vom Original beschränkt werden, was die ungehemmte Verbreitung von Kopie zu Kopie zu Kopie beispielsweise durch den Tausch ganzer Festplatten einschränken würde.

Problematisch in diesem Zusammenhang ist auch die Nutzung sogenannter Streamripping-Dienste, die sich auf die Privatkopie berufen. Auch hier ist eine gesetzliche Anpassung dringend notwendig.

Vorurteil Nr. 7: Musik ist zu teuer

Das Gegenteil stimmt: Wer Musik hören will, musste dafür im Laufe der Jahre immer weniger Geld ausgeben. Besonders deutlich zeigt das das Phänomen der Streamingdienste. Sie lassen sich in den Anfangsmonaten oder mit reduziertem Leistungsumfang sogar oft gratis nutzen.

Auch die Geschichte zeigt, dass Musik immer preiswerter zu bekommen ist: Als die CD Anfang der 80er Jahre auf den Markt kam, kostete eine der begehrten Silberscheiben rund 30 DM. Heute, rund 30 Jahre später, liegen die Preise selbst für aktuelle Alben bei rund 15 Euro dank zahlreicher Angebote häufig auch weit darunter. Preissteigerung selbst ohne Berücksichtigung der Inflation in den vergangenen 30 Jahren: gleich null. Im gleichen Zeitraum haben sich andere Entertainment-Angebote wie Kino- und Konzertbesuche, Bücher, Zeitungen und Zeitschriften erheblich verteuert. Noch günstiger können Konsumenten heute Musik online erwerben. Die Preise für Single-Downloads starten bei 49 Cent. Aktuelle Alben sind im Internet ab 7,99 Euro zu bekommen.

Vorurteil Nr. 8: Die Musikindustrie beutet die Künstler aus

Zu diesem Vorurteil haben publikumswirksam ausgetragene Konflikte zwischen Plattenfirmen und Künstlern beigetragen wie beispielsweise bei George Michael, Prince oder Courtney Love.  

Die Realität sieht aber anders aus, denn die Mehrzahl der Künstler scheint mit ihren Labels und dem, was sie verdienen, durchaus zufrieden zu sein. Die meisten Künstler wünschen sich einen Vertrag mit einem Label und sehen diesen als den Grundstein für eine erfolgreiche Musikerkarriere. Das zeigt eine Studie, die der BVMI 2012 mit Unterstützung durch das Popbüro Region Stuttgart, die Volkswagen Sound Foundation, die Popakademie Baden-Württemberg, Local Heroes und SoundGroundBerlin durchgeführt hat.

Nach einer Berechnung, die wir mit dem Verband Unabhängiger Musikunternehmen (VUT) in 2011 erstellt haben, erhalten Künstler durchschnittlich rund zehn Prozent vom Verkauf einer CD und können diesen Anteil sogar auf fast 15 Prozent steigern, wenn sie Text und Musik selbst geschrieben haben und ihre eigenen Produzenten sind.

Zwar liegt der Anteil des Labels mit 20 Prozent höher, aber die Plattenfirma muss davon nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch alle Marketingmaßnamen wie beispielsweise die Videoproduktion, Werbung und Promotion sowie die staatlichen Abgaben wie die Künstlersozialkasse (KSK) oder die Filmförderabgabe bestreiten. Ein weiterer Teil der Label-Erlöse fließt außerdem in die Entwicklung von Nachwuchskünstlern. Außerdem sollte nicht vergessen werden, dass Musik ein hochrisikoreiches Investment ist. Eine goldene Branchenregel besagt, dass nur einer von zehn Künstlern die in ihn getätigten Investitionen auch wieder einspielt. Investitionen, zu denen auch Vorschusszahlungen gehören. Floppt ein Künstler, trägt das Ausfallrisiko in der Regel das Label.

Vorurteil Nr. 9: Die Musikmanager feiern einfach zu viele Partys

Come on – die Musikbranche ist eine Entertainment-Industrie und nicht die Versicherungswirtschaft. Zugegeben, in den goldenen 90er Jahren mag der eine oder andere mal über die Stränge geschlagen haben, aber das kann keine Rechtfertigung sein, noch zehn Jahre später einer ganzen Branche den Mittelfinger zu zeigen. Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl der Beschäftigten in der Musikindustrie aufgrund illegaler Musikbeschaffung aus dem Netz und massiv gestiegener Privatkopien um ca. 50 Prozent zurückgegangen. Große wie kleine Labels haben mehrfach massive Restrukturierungsprozesse durchlaufen und sind heute schlank aufgestellt. Die Zeit der wilden Partys ist lange vorbei.

Vorurteil Nr. 10: Die Musikindustrie muss nur weniger "Schrott" produzieren

Ein Vorurteil von unerträglicher kultureller Arroganz, bei dem Massentauglichkeit mit mangelnder Qualität gleichgesetzt wird. Dabei wird oft vergessen, dass in der Musikindustrie Hits – wie beispielsweise auch in Buchverlagen Bestseller – die finanzielle Basis für die Förderung von Nischenprodukten sind. Dieses System der Umverteilung hat eine einzigartige Vielfalt von Musikprodukten und Künstlern hervorgebracht, die vom avantgardistischen Jazzquartett über Musikstile wie Punk oder Techno, bis zu internationalen Massenwaren reicht. Die Musikindustrie ist nicht dazu da, über den Geschmack ihrer Konsumenten zu richten. Ihre Aufgabe ist es, den Verbrauchern ein möglichst großes Angebot zu machen, aus dem diese dann auswählen können.

Weitere Informationen sowie einen aktuellen Überblick über die deutsche Musikindustrie liefert Ihnen unser Jahrbuch "Musikindustrie in Zahlen 2013".