Editorial

Analog und digital – die Mischung macht’s!

2016: Zum vierten Mal in Folge Wachstum für die deutsche Musikindustrie nach fünfzehn Jahren. Zum zweiten Mal in Folge auch ein nennenswertes Wachstum: ein Plus von 3 Prozent. Das liegt auch in diesem Jahr am Audio-Streaming – einerseits. Andererseits liegt es am weiter verhältnismäßig stabilen physischen Markt, der Ende 2016 62,1 Prozent der Umsätze ausmachte. Die CD allein erreicht trotz eines Minus von knapp 9 Prozent immer noch rund 54 Prozent Umsatzanteil im Gesamtmarkt, Vinyl kommt durch ein Plus von 40 Prozent inzwischen auf 4,4 Prozent. Daneben liegt das Audio-Streaming bei inzwischen 24,1 Prozent Umsatzanteil am Gesamtmarkt, die Downloads liegen bei noch 12,2 Prozent.

 

Aktuell harmonieren musikalische On- und Offlinewelt. Dies ist gar nicht so überraschend, denn Musikfans sind Menschen, und Menschen sind komplex: Sie hören am Morgen Musik im Radio, nutzen auf dem Weg zur Arbeit einen Streaming-Dienst über das Smartphone und legen am Abend zu Hause vielleicht eine Schallplatte auf. Und für dieses Nutzungsverhalten stellt die Musikindustrie seit geraumer Zeit die Angebote bereit. Unsere Mitgliedsfirmen betreiben inzwischen seit vielen Jahren ein erfolgreiches Digitalgeschäft und entwickeln es stetig weiter. Gleichzeitig werden weiterhin analoge Angebote bereitgestellt – das ist wichtig. Wer hätte zum Beispiel im Jahr 2000 vermutet, dass die Schallplatte fünfzehn Jahre später wieder auf Wachstumskurs ist und auch eine vollständig digital aufgewachsene Generation anspricht? Doch genau das ist der Fall, und es gilt mehr denn je, in Zusammenhängen zu denken und zu handeln. Online und offline, digital und analog. Denn beim kreativen Inhalt im Allgemeinen und bei Musik im Besonderen ist nicht das Trägermedium entscheidend, sondern in erster Linie der Inhalt. 

Streaming ist die Nutzungsform der Zukunft – aber nicht das Ende der Geschichte

Das aktuelle Jahrbuch erzählt uns Seite für Seite von der Wachstumskraft des Audio-Streamings. Fast ein Viertel des Gesamtumsatzes wird inzwischen durch gestreamte Musikdateien erwirtschaftet – 2015 waren es gerade einmal 14 Prozent. Die Downloads sind damit 2016 klar überflügelt. Mehr noch: Das „Format“ Streaming ist erstmals der zweitgrößte Umsatzträger nach der CD! Ähnliche Entwicklungen sind auch beim Absatz, im Handel sowie mit Blick auf die Musiknutzung und die Musikkäuferinnen und -käufer zu beobachten. Streaming ist die zeitgemäße Art, Musik zu hören und gleichzeitig die Nutzungsform der Zukunft.

 

Das gilt im Übrigen auch für zahlreiche andere Content-Branchen, von Film und TV über das Buch bis zu Games. Gerade deshalb ist es umso wichtiger, dass diejenigen, die den „Content“ produzieren – kreieren, entwickeln und finanzieren – und so die Geschäftsmodelle vieler Internetunternehmungen überhaupt erst möglich machen, auch entsprechend an den Einnahmen beteiligt werden, die ihre Inhalte generieren. Das digitale Lizenzgeschäft, gekoppelt an das digitale Transaktionsgeschäft, braucht weit über die Branche hinaus Klarheit. 

#Level_playing_field – wir brauchen endlich Geschäftsbeziehungen auf Augenhöhe!

Mit vielen Audio-Streaming-Diensten unterhält die Branche seit Jahren solide und faire, partnerschaftliche Geschäftsbeziehungen. Bekanntlich ist das bei Plattformen wie YouTube nicht so. Dort sehen wir weiterhin eine gelebte und für viele gelernte Marktverzerrung. Noch immer steht YouTube auf dem Standpunkt, selbst eigentlich keine Lizenzen zu schulden. Begründung: Die Nutzer laden ja die Musik auf die Plattform, nicht YouTube. Dabei hören 82 Prozent der YouTube-Nutzer Musik über die Plattform. Und dies nicht vor allem, wie gerne behauptet wird, um neue Musik zu entdecken – der Mythos vom YouTube-Promotion-Effekt. Der größte Musik-Streaming-Dienst der Welt heißt nicht Spotify oder Apple Music, sondern YouTube. Unser Dachverband IFPI hat 2016 in einer Untersuchung festgestellt, dass von YouTube im Schnitt pro Jahr und Nutzer weniger als 1 US-Dollar an die Musikindustrie fließt, während es etwa bei Spotify, das reguläre Lizenzen zahlt, 18 US-Dollar sind. Dies ist der oft diskutierte „Value Gap“. Dabei geht es uns wohlgemerkt nicht darum, für die beiden Vertriebsformen die gleiche Lizenzhöhe zu fordern, aber dieser Unterschied ist vollkommen absurd. Wir drängen hier bekanntlich seit längerer Zeit auf eine Klarstellung auf europäischer Ebene. Der Brief von mehr als 1.000 europäischen Musikerinnen und Musikern an Jean-Claude Juncker im vergangenen Jahr war ebenso wie der Vorschlag der EU-Kommission ein gutes und wichtiges Signal. Jetzt gilt es, diese Ansätze mit Leben zu füllen!