Musiknutzung

Audio-Streaming wächst: Fast zehn Prozent der Musiknutzung kam 2015 aus der Cloud von Spotify & Co, bei den Jüngeren ist der Anteil noch höher. Aber das Radio bleibt mit 36 Prozent Nutzungsanteil der Deutschen liebstes Musikmedium. Daneben haben physische Tonträger im Nutzungsmix sogar leicht zugelegt auf 15,3 Prozent.

Das Radio ist nach wie vor Alltagsbegleiter

Musikhören auf CD oder Schallplatte, im Radio, am Rechner oder über das Smartphone, unterwegs oder zu Hause – die Musiknutzung wird immer vielfältiger und durch Cloud-Lösungen und vernetzte Audio-Systeme nahezu grenzenlos möglich. Immer wieder wurde dabei das Ende des terrestrischen Hörfunks prophezeit. In ihrem Popsong „Video Killed the Radio Star“ besangen The Buggles bekanntlich bereits im Jahr 1979 die drohende Verdrängung des
Mediums durch das Musikvideo.

Heute wird das Audio-Streaming als größter Konkurrent betrachtet, dabei zeigt ein Blick auf die Hörergewohnheiten, dass das Radio nach wie vor das beliebteste Musikmedium der Deutschen ist: Lineare Radioprogramme haben einen durchschnittlichen Anteil von 36,1 Prozent (Abbildung 15) am Musikkonsum. Zwar ist die Nutzung über alle Altersgruppen damit leicht rückläufig (2014: 40,4 Prozent). Rechnet man das Online-Radio (8,9 Prozent) zum terrestrischen hinzu, kommt das Radio über alle Altersgruppen auf einen Nutzungsanteil von insgesamt 45 Prozent. Die Reichweite des herkömmlichen Radios (Abbildung 16) ist dabei weiterhin stabil. In Deutschland hören 82 Prozent der Bevölkerung mehr als eine Stunde pro Woche Musik über terrestrisch ausgestrahlte Radiosender.

Dass das Radio in Deutschland noch immer äußerst beliebt ist, zeigt auch die ma 2016 Radio I der Arbeitsgemeinschaft Media Analyse (agma). Ihr zufolge hören 56,1 Millionen Deutsche täglich Radio – das sind 77,7 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab zehn Jahren. Mit einer durchschnittlichen Hördauer von mehr als drei Stunden pro Tag (die Verweildauer liegt sogar bei 243 Minuten, also bei mehr als vier Stunden) ist die Reichweite der abgebildeten 101 Hörfunksender und 102 sogenannten Vermarktungskombinationen immer noch hoch.

Abb 15: Hörgewohnheiten in Deutschland Musiknutzung in den letzten 7 Tagen
Abb 16: Hörgewohnheiten in Deutschland Reichweiten in der Bevölkerung
 

Den zweitgrößten Anteil am täglichen Musikmix über alle Altersgruppen (Abbildung 15) hatten 2015 digitale Musikdateien, auf sie entfielen 20 Prozent der Musiknutzung. Physische Tonträger lagen 2015 wieder bei 15,3 Prozent über alle Altersgruppen hinweg und verzeichneten damit sogar ein leichtes Wachstum gegenüber dem Vorjahr. Dies mag auch mit der Wiederentdeckung der Schallplatte in den letzten Jahren zusammenhängen.

Musiknutzung verlagert sich zunehmend ins Web

Die Digitalisierung macht allerdings auch vor dem Radio nicht halt: 2015 wurden in Deutschland laut der GfK so viele Digitalradios gekauft wie noch nie. Den digitalen Hybridgeräten mit digitalen Sendeverfahren werden gleich mehrere Vorteile zugeschrieben: eine bessere Klangqualität, eine größere Programmvielfalt und die Möglichkeit der zeitunabhängigen Nutzung.

Insgesamt nimmt die Anzahl internet-basierter Angebote zum Musikhören weiter zu. 2015 nutzten knapp neun Prozent der Bevölkerung Online-Radioprogramme, um Musik zu hören.1 Die Webradiomessung ma 2016 IP Audio I der agma misst außerdem rund 221 Millionen Aufrufe von Websessions pro Monat. Wie im vorangegangenen Jahr hatte auch 2015 eine durchschnittliche Webradio-Session eine Dauer von über 50 Minuten. Übrigens: Seit 2015 weist die agma unter anderem die Spotify-Audio- Reichweite für deren Radioprogramm extra aus. Damit kam der Anbieter Ende 2015 auf fast 100 Millionen Sessions pro Monat, ein Zuwachs von 14 Prozent gegenüber dem vorangegangenen Quartal.

Neben den Online-Radios konkurrieren Video-Plattformen und eine wachsende Zahl von Audio-Streaming-Portalen im Internet um die Aufmerksamkeit der Hörer. Und für das Audio-Musik-Streaming war 2015 auch ein entscheidendes Jahr. Ein Rekordumsatzwachstum um 106 Prozent (Jahrbuch, S.11, Abbildung 3) zeigt, dass sich Musik „aus der Wolke“ als Nutzungsform zunehmend etabliert. Insgesamt generiert Audio-Streaming mittlerweile 14,4 Prozent des Gesamtumsatzes. Das spiegelt sich auch in den Hörgewohnheiten der deutschen Bevölkerung im vergangenen Jahr wider: Hier hatte die Nutzung von Audio-Streaming-Diensten einen zeitlichen Anteil von 9,6 Prozent – 4,4 Prozent davon via Premium-Abos und 5,2 Prozent über kostenlose, werbefinanzierte Audio-Streaming-Services. Zum Vergleich: 2014 lag der Nutzungsanteil von werbebasiertem Streaming bei 4,2 Prozent – und der von Premium-Abos noch bei lediglich 1,8 Prozent, bei Letzterem hat sich der Anteil 2015 also mehr als verdoppelt! Damit bewegt sich Streaming weiter aus der Nische heraus und stößt auf zunehmende Akzeptanz bei den Nutzern. Dies zeigt sich auch am Anteil der Streaming nutzenden Bevölkerung: 23 Prozent kostenloses und 19 Prozent Premium-Audio-Streaming (Abbildung 16).

Online-Musiknutzung bei Kindern und Jugendlichen: Streaming dringt in den Alltag vor

Der ARD/ZDF-Onlinestudie 2015 (S. 395) zufolge nutzten die 14- bis 29-Jährigen im Jahr 2015 so häufig Audioformate im Internet wie noch nie. 35 Prozent gaben an, täglich eines oder mehrere Audioformate online zu hören. Besonders das Musik-Streaming ist bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen verbreitet: Laut der ARD/ZDF-Onlinestudie kamen Musik-Streaming-Dienste bei den 14- bis 29- Jährigen auf 15 Prozent tägliche Nutzung – eine erhebliche Steigerung gegenüber dem Vorjahr 2014, in dem dieser Wert noch bei neun Prozent lag.

Die JIM-Studie 2015 ergründete bei der noch jüngeren Generation der 12- bis 19-Jährigen die „Tätigkeiten im Internet“: Regelmäßiger Musikkonsum via Musik-Streaming-Dienste kam hierbei auf 36 Prozent, 23 Prozent nutzten Streaming in dieser Altersgruppe sogar täglich. Es lohnt sich an dieser Stelle ein detaillierter Blick auf die Ergebnisse in den jeweiligen Altersstufen: Während bei den 12- bis 13-Jährigen erst 21 Prozent regelmäßig/mehrmals pro Woche Audio-Streaming nutzten, ist dieser Verbreitungsweg bei den 14- bis 15-Jährigen (38 Prozent), bei den 16- bis 17-Jährigen (47 Prozent) und bei den 18- bis 19-Jährigen (39 Prozent) erheblich stärker im Alltag präsent (S.34). 92 Prozent der Jugendlichen verfügen über ein Smartphone (S.46). Nach „Nachrichten verschicken?/bekommen“ und gleichauf mit „im Internet surfen“ liegt „Musik hören“ im Ranking der Nutzungsformen auf Platz zwei, noch vor Telefonieren (S. 48).

Individueller Nutzungsmix

Musikfans können heute aus einem immer umfangreicheren Programmangebot auswählen und aus einer globalen Medienvielfalt schöpfen. Dass 2015 wieder 15,3 Prozent des Musikgenusses über physische Tonträger stattfinden, zeigt, dass die verschiedenen Nutzungsformen bestens koexistieren. Digitale und physische Musiknutzung finden heute eben in einem individuell-bedürfnisorientierten Mix statt, ohne einander zwingend auszuschließen. Und fest steht: Das aktuelle Streamingangebot ist nicht das Ende der Geschichte, wir werden in Zukunft sicher andere neue Musiknutzungsformen sehen, die den Markt und das Nutzerverhalten ergänzen.