News

"Es geht nicht ohne Inhalte": Dieter Gorny und Florian Drücke im Interview

Kurz bevor Deutschland in die parlamentarische Sommerpause und anschließend in die heiße Wahlkampfphase startet, ziehen Dieter Gorny und Florian Drücke für den Bundesverband Musikindustrie Zwischenbilanz.

Interview: Knut Schlinger / MusikWoche

 

 

Im Gespräch mit MusikWoche nehmen der Vorstandsvorsitzende und der Geschäftsführer des BVMI im Anschluss an die jüngste Vorstandssitzung des Branchenverbands die Ereignisse und die Entwicklung des Musikmarkts im bisherigen Verlauf des Jahres 2017 unter die Lupe, formulieren aber auch die Aufgaben für Pop und Politik für das zweite Halbjahr. Dabei geht es unter anderem um Schlagworte wie Value Gap, Rechtsdurchsetzung und die Verantwortung von Plattformen, um ein schwieriges erstes Quartal, um Fördergelder im Musikbereich und um einen Rückblick auf die ersten beiden Echo-Verleihungen 2017.

Kurz vor der Echo-Verleihung räumten Sie ein, dass der Echo in den vergangenen Jahren viel Geld gekostet habe. War das auch 2017 so?

Dieter Gorny: Der Echo hat den BVMI fast immer viel Geld gekostet, schließlich handelt es sich um ein ambitioniertes Vorhaben. Das ist, denke ich, für eine Fernsehproduktion dieses Niveaus aber auch normal.

War der Echo denn 2017 ein Zuschussgeschäft?

Florian Drücke: Ja, der Echo blieb auch in diesem Jahr ein Draufzahlgeschäft. Wir gehen aber davon aus, nun wesentliche Weichen für die nächsten Ausgaben gestellt und damit für die kommenden Jahre zum Beispiel das Thema Sponsoring oder die Kostenkontrolle so etabliert zu haben, dass sich das ändern kann.

Was macht Sie da so zuversichtlich?

Florian Drücke: Wir haben in der Tat schon viel erlebt mit dem Echo. Diesmal aber haben wir große Veränderungen in Angriff genommen, man schaue beispielsweise auf den neuen Sender und das Dinner. Wir haben nicht bloß die Zündkerzen ausgetauscht, sondern den ganzen Motorblock auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt.

Die Zylinderkopfdichtung beim Echo hält also?

Florian Drücke: Genau. Das kann man zunächst einmal so feststellen. Nun folgen die internen Gespräche zu den Veränderungen und deren Ergebnissen: Was haben wir angefasst, war das zufriedenstellend, haben wir uns das so vorgestellt und was lernen wir daraus fürs nächste Mal.

Welche Messlatten legen Sie dabei an?

Dieter Gorny: Neben der Grundsatzfrage, wie wir mit den natürlich vorhandenen Kosten umgehen, geht es beim deutschen Musikpreis immer darum, wie wir das, was wir mit dem Echo machen, noch erfolgreicher tun können und wie wir noch mehr Leute zufriedenstellen können, vom Zuschauer über die Künstler bis hin zu den Vorständen und den Mitgliedsfirmen. Der Echo ist ein komplexes Gefüge, weil er in die Branche hineinreicht, aber auch über die Branche hinaus nach draußen.

Zum Echo Jazz klang es zuletzt fast so, als fehlte nur noch die Unterschrift für eine Verlängerung mit Hamburg, wie sieht es da aus?

Dieter Gorny: Es gibt noch keine Unterschrift, aber dagegen spricht nichts. Der Echo Jazz hat sich seine Position inhaltlich und auch örtlich erarbeitet, ich habe deshalb keinen Zweifel daran, dass der Echo Jazz auf absehbare Zeit in Hamburg bleibt.

Florian Drücke: Zunächst einmal sind wir über dieses Jahr hinaus mit Hamburg verbunden. Wir haben 2017 zudem mit dem wiederbelebten Elbjazz Festival erlebt, was für Synergien sich hier ergeben. Das ist etwas, was wir künftig noch weiter verbessern wollen.

Verbesserungspotenzial dürfte es auch zum Musikmarkt im ersten Quartal geben: Die ersten Monate des laufenden Jahres sollen zumindest im CD-Geschäft "verheerend" gewesen sein, ist zu hören. Deckt sich das mit Ihren Eindrücken?

Florian Drücke: Das erste Quartal war unter Druck, aber wir kommunizieren die Halbjahreszahlen, gerade auch um dann im Bereich der Veröffentlichungen einen repräsentativeren Zeitraum abzubilden.

Dieter Gorny: Für viele Branchen der Kreativwirtschaft, nicht nur in der Musik, bleibt der Rückgang der tradierten Vertriebsformen eine zentrale Herausforderung. Schließlich entwickeln sich die neuen Vertriebswege zwar oft explosiv, aber in einer kleineren Grundgesamtheit. Hier steht die Musikbranche inzwischen wieder ganz gut da, aber, wie ich betonen möchte, nach einer massiven Talfahrt über viele Jahre.

Wie sieht denn die Entwicklung hierzulande zum Halbjahr aus?

Florian Drücke: Die Zahlen folgen so schnell wie möglich, der Juni läuft ja schon. Ich hoffe auf Zahlen, die besser sind als es das erste Quartal vermuten ließ.

Abseits des Marktgeschehens steht auf der Lobbyebene nun die parlamentarische Sommerpause an, danach folgt direkt der Wahlkampf. Haben die Politiker da noch offene Ohren für die Belange der Musikwirtschaft?

Dieter Gorny: Ich denke ja. Wir sind schließlich ein Teil dessen, was man die digitale Agenda nennt, und, so denke ich zumindest, ein durchaus lautstarker Teil. Auf offene Ohren hoffe ich auch insofern, als wir zunehmend erfolgreich klar machen können, dass das ganze Thema der Digitalisierung ohne eine gemeinsame Betrachtung von Technologie und Inhalten nicht lösbar ist. Wir haben als Branche zudem beispielhaft gezeigt, wie auch bei sich ändernden Geschäftsmodellen Wachstum möglich ist.

Hat das etwas an der Diskussionskultur geändert?

Dieter Gorny: Ja. Zum Beispiel sind die Piraten nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen in keinem Landtag mehr vertreten. Das halte ich für das Symbol einer neuen Zeit in der Diskussion. In der Frage nach den Strukturen der Musikbranche ist man auf politischer Ebene die Politik an einen Punkt gekommen, an dem klar ist, dass man es mit einem arbeitsteiligen Geschäft zu tun hat, in dem es Partner gibt und das den Kreativen gewisse Freiheiten lässt, sich ihre Partner auszusuchen. Das ist im Vergleich zu der vor einiger Zeit aufkommenden inhaltlich etwas diffusen Prosumer-Diskussion schon ein Fortschritt. Abgesehen davon müssen wir klarmachen, dass ein vernünftiges kulturökonomisches Miteinander möglich sein muss. Und mit dieser Überzeugungsstrategie geht es in der nächsten Legislatur weiter.

Was meinen Sie mit dem kulturökonomischen Miteinander?

Dieter Gorny: Die Diskussion, wie sich die großen internationalen Plattformen besser und erfolgreicher, aber auch geordneter ausbreiten können, geht darüber hinweg, dass diese Plattformen ohne das, was wir im Großen wie im Kleinen schaffen, nicht erfolgreich wären. Ohne Content und Kreativschaffende gäbe es kein YouTube, räumte selbst YouTube-CEO Susan Wojcicki bei einem Abendessen im Frühjahr in Berlin ein. Es geht also nicht ohne Inhalte. Diese auch in unserer Zeit immer noch nicht selbstverständliche Erkenntnis - Thema Value Gap - müssen wir auf politischer Ebene in eine feste Relation setzen.

Was wäre damit gewonnen?

Dieter Gorny: Wenn die Politik einmal erkannt hat, dass es ohne Inhalte nicht geht, muss die Frage folgen, wo und wie man da denn jetzt ran muss. Das ist ein durchaus komplexer Weg, weil diese politische Erkenntnis recht jung ist und zudem immer noch getragen wird von einer gewissen disruptiven Grundeuphorie. Dem müssen wir begegnen, um zu verdeutlichen, dass eine digitale Ökonomie so nicht laufen kann. Wir reden hier schließlich in den Branchen der Kultur- und Kreativwirtschaft über ein Umsatzvolumen allein in Deutschland von zusammen fast 150 Milliarden Euro und über 800.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten beziehungsweise weit über einer Million, wenn man auch noch andere Arbeitsverhältnisse hinzuzählt. Das ist ein Pfund, das es zu stabilisieren gilt.

Hat sich denn in der Diskussion nicht längst etwas verändert?

Florian Drücke: Doch, wir erleben derzeit eine viel rationalere Debatte als noch vor wenigen Jahren, wenn es um die gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung geht oder den Wert der Kreativwirtschaft. Das zeigt sich nicht allein in der Piratenpartei, sondern noch konkreter zum Beispiel auch in der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes, der vor einigen Tagen festgestellt hat, dass The Pirate Bay selbst haftbar ist. Endlich einmal wird in aller Klarheit festgestellt, dass The Pirate Bay weiß, was sie da tun und womit sie ihr Geld verdienen. Entsprechend muss man nun schauen, wie man damit umgeht. Dieses Thema der Plattformhaftung ("safe harbour") geht zudem Hand in Hand mit der Problematik von Hate Speech und Fake News. Hier merken wir, dass gesellschaftlich nun Punkte abgearbeitet werden, auf die wir schon sehr früh hingewiesen haben. Wir müssen jetzt aber auch einfordern, nun entsprechend berücksichtigt zu werden. Nicht, dass dann der argumentative Weg eingeschlagen wird, Hate Speech sei ja nun wirklich ein Riesenproblem, da müsse man Rechte durchsetzen können, aber in der Musik sei das alles längst kein Problem mehr und im Übrigen habe die Branche den Turnaround ja geschafft. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich dieses gesellschaftliche Bewusstsein gerade festsetzt, dass ein Thema auch regulatorisch nachgehalten werden muss.

Dieter Gorny: Regulative dürfen sich schließlich nicht auf einzelne Medien beschränken. Es kann nicht sein, dass wir Verantwortungsstrukturen bei Publikationen haben - "verantwortlich im Sinne des Presserechts" - aber nicht für andere Kanäle oder Medien und noch dazu so tun, als sei das eine große Errungenschaft. Das sich eine Gesellschaft bei solchen Fragen zu einer Entscheidung vorantastet, ist klar. Entscheidend ist, dass man sich jetzt auf den Weg macht.

Wen sehen Sie denn gesetzgeberisch im Drivers Seat, wenn es um Fragen wie Value Gap oder Urheberrecht geht: Brüssel oder Berlin?

Dieter Gorny: Ich würde sagen, dass die Debatte in Deutschland weiter ist. Die Diskussion in Brüssel erlebe ich hingegen immer noch sehr emotional und, um es einmal salopp zu formulieren, inhaltlich um mindestens ein Jahr hintenan.

Florian Drücke: Brüssel hat allerdings aktuell all die Themen wie den digitalen Binnenmarkt, die Klarheit in Sachen Urheberrecht, Territorialität oder Value Gap aufgegriffen. Dies deshalb, weil die Kommission selbst diese Agenda definiert hat, vor allem aber, weil diese Themen national in Deutschland, Frankreich, Italien oder auch UK bereits im Vorfeld relevant waren und nun eben in Brüssel, wo sie absolut hingehören, abgearbeitet werden - und zwar mit absoluter Priorität.

Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Florian Drücke: Wir müssen dafür sorgen, dass auch eine neue Bundesregierung dafür eintritt, dass diese Form der europäischen Regulierung im Sinne des Binnenmarkts gewährleistet ist, und dass man sich nicht plötzlich seiner Stimme enthält oder ausbüchst und ganz neue Ideen entwickelt, die in eine ganz andere Richtung oder zu einer Insellösung gehen. Das Thema der Modernisierung des Urheberrechts liegt zu Recht in Brüssel, beziehungsweise jetzt im Parlament, nachdem die Kommission es weitergegeben hat.

Spielt es da eine Rolle, dass EU-Kommissar Andrus Ansip zunächst vorläufig die Leitung des Digitalbereich von Günther Oettinger übernommen hat?

Dieter Gorny: Es spielt immer eine Rolle, wenn Amtsinhaber wechseln - ganz besonders, wenn sie einem schon allein durch die Sprache, aber auch durch immer wieder geäußerte Haltungen, nahe standen. Das ist aber nun einmal Teil des politisch-demokratischen Systems. Für uns bedeutet das jedoch, jedes Mal neu anzusetzen. Das hat etwas mit Vertrauen zu tun, mit dem Erklären von Strukturen und mit vielen anderen Dingen und erzeugt immer wieder ein Gap, wie man so schön sagt. Diesmal allerdings kein Value Gap, vielmehr ein Personal Gap. Die Lücke versucht man dann zu füllen. Die Frage, wer denn nun de facto nachfolgt, was für Strukturen es gibt und mit wem wir reden können oder müssen, steht also seit dem Abschied von Oettinger ständig auf der Agenda.

Was bedeutet das konkret?

Dieter Gorny: Für uns geht es nicht darum, einseitig zu überzeugen, sondern vielmehr darum, Klärung zu verschaffen, wenn es um Fragen zum digitalen Binnenmarkt geht, zu Arbeitsplätzen, zu Wachstum und kultureller Vielfalt oder darum, wie ein Level Playing Field zwischen den Content-Branchen und internationalen Technologiekonzernen ausbalanciert sein muss. Es geht darum, Fakten zu transportieren, die uns in dieser Branche geläufig sind, draußen aber allemal nicht. Das ist ein großes Dilemma der Rechtsdiskussion, aber wir stellen immer wieder - auch in Deutschland - fest, dass gar nicht das nötige Know-how zu den Unterschieden der einzelnen Branchen, zu ihren Strukturen und ihrer Arbeitsteiligkeit vorhanden ist, um sie entsprechend zu würdigen und schließlich auch Gesetzestexte entsprechend so einzuarbeiten, dass am Ende auch das herauskommt, was man gerne hätte.

Lässt sich den Giganten Google, Amazon oder Apple auf dieser Seite des Atlantiks mit regulatorischen Ansätzen überhaupt beikommen?

Florian Drücke: Wenn nicht jetzt, wo wir nach der Trump-Wahl, während des Brexit-Prozesses und den Signalen aus Frankreich ein großes Momentum erleben, ja wann denn dann? Es geht schließlich darum, den digitalen Binnenmarkt zu definieren, nicht gegen die Großen oder gegen Amerika - für Europa! Hier müssen wir uns überlegen, wie wir das Thema gestalten wollen. Vielfalt, Arbeitsplätze, Wettbewerb, Wachstum und eine entsprechende Strategie dazu in Europa? Wenn, dann jetzt.

Dieter Gorny: Es geht dabei nicht gegen irgendwas, das ist ganz wichtig wegen der Haftungsprivilegien und all dieser Themen, sondern um eine balancierte Form gemeinsamen Prosperierens. Wir müssen deutlich machen: Es geht nicht nur um Technologie und es geht nicht nur um Inhalte. Wir wissen vielmehr, dass beide Seiten sich gegenseitig bedingen und brauchen. Je mehr man das erkennt, umso besser ist es schließlich für beide Seiten.

Wie sieht es nach der gemeinsamen Studie zur Musikwirtschaft derzeit auf der nationalen Lobbybühne aus, agieren Plattenfirmen, Musikverleger und Konzertveranstalter hier nun doch wieder vor allem im eigenen Interesse statt mit einer gemeinsamen Position?

Florian Drücke: Das war nie anders gewollt. Die Studie diente in erster Linie dazu, gemeinsame Zahlen und Erhebungen zu schaffen für den Moment, wo man über die Musikwirtschaft als Ganzes sprechen will. Es war nie unser vorderstes Ziel, eine gemeinsame Lobbyorganisation zu schaffen, die dann quasi eine Metaebene zwischen Musikindustrie und der Kultur- und Kreativwirtschaft bespielt. Das deckt sich auch mit dem, was Dieter Gorny gerade eben sagte: Wenn wir feststellen, dass bei den Entscheidungsträgern das Know-how nicht so vorhanden ist, was die einzelnen Branchen betrifft, dann ist es doch unsere Aufgabe als Branchenvertreter, genau für dieses konkrete Know-how zu sorgen und nicht auf abstrakterer Ebene zu reagieren.

Rechnen Sie denn mit einem zweiten Aufschlag dieser Studie?

Florian Drücke: Das schließen wir nicht aus, ist aber derzeit noch nicht geplant. Denn so schnell verändern sich die Branchen und ihre Kennzahlen nun auch wieder nicht. Allerdings gibt es derzeit Überlegungen, ob wir vielleicht im Rahmen der Zusammenarbeit beim Hamburger Musikdialog zu einer Konsumentenbefragung zusammenfinden, die unter die Lupe nimmt, wie die Konsumenten die sich verändernden Geschäftsfelder einschätzen.

Mit welchem Ausgang rechnen Sie bei der Bundestagswahl?

Dieter Gorny: Wenn wir das genau wüssten, säßen wir nicht mehr hier. Dann hätten wir eine Orakelfirma. Wir wissen nur: Politik ist ein enorm schnelllebiges Geschäft geworden, auch was Umfragewerte oder Wählerverhalten angeht. Klar ist, dass der Wahlkampf bald richtig losgeht, dass jeder einzelne seine individuelle Entscheidung fällt als Bürger dieses Landes, die dann schließlich alle zur Kenntnis nehmen werden.

Florian Drücke: Diese Planspiele sind für uns zunächst nicht so relevant. Für uns geht es darum, unsere Positionen hochzuhalten.

Was meinen Sie damit?

Florian Drücke: Wir brauchen zum Beispiel endlich Klarheit im digitalen Lizenzgeschäft. Etwa beim Streamripping: Es ist doch mittlerweile bekannt, dass dies nicht einfach so als direkte Konkurrenz zu den neuen Plattformen existieren kann. Siehe aber auch die Frage nach Werbung auf illegalen Webseiten: Wir haben das Thema in dieser Legislatur schwer bearbeitet, um am Ende zu hören, das ginge kartellrechtlich nicht. Wenn man sich nicht einmal bei diesem Thema einig sein darf, dann muss man eben an dieser Stelle etwas ändern. Bei diesen konkreten Forderungen können wir generell feststellen, dass die Einflugschneise sehr stark verbraucherschutzrechtlich geprägt ist. Das gilt gerade auch für die Access-Diskussion in einer Zeit, in der doch eigentlich jeder jederzeit Zugang zu Streamingdiensten hat, und das zum Teil auch kostenlos. Oder das Beispiel WLAN-Regulierung: Hier wird eigentlich politisch permanent nach Wegen gesucht, Rechtsdurchsetzung zu verhindern.

Dieter Gorny: Das hat sehr viel mit, in Anführungszeichen, penetranter Überzeugungsarbeit zu tun. Wir müssen die Sicht auf die Dinge und das Denken über diese Dinge ändern. Und das kann man eben nicht, indem man sich nur auf den einen Paragraphen konzentriert. Vielmehr wollen wir grundsätzliche Debatten darüber führen, warum wir Regulative brauchen, warum es für eine Gesellschaft gefährlich ist, wenn sie nur Teilbereiche reguliert, andere aber nicht, was das Haftungsprivileg für uns eigentlich für Konsequenzen hat und was angesichts der abnormen Größe dieser Plattformen eigentlich ein funktionierendes Zusammenspiel zwischen deren Betreibern und den Anbietern von Inhalten bedeutet. Der Inhalt kann schließlich auch ohne die Technologie weiter existieren, die Technologie kann das nicht ohne den Inhalt.

Was steht für Sie außerdem auf der politischen Agenda?

Dieter Gorny: Was wir auch als Teil der Deutschen Content Allianz immer vorgebracht haben: Es ist unabdingbar, dass die Branchen, die Inhalte produzieren, Teil der digitalen Agenda sind und sich nicht immer wieder in die Diskussion hereinklagen müssen. Auch beim jüngsten Digitalgipfel gab es gerade wieder das Beispiel eines etwas abseits organisierten Panels, das eher eine Da-dürft-ihr-auch-mal-mitmachen-Funktion erfüllte. Hier müssen wir noch lautstärker klarmachen, welche Wertschöpfung wir ökonomisch und inhaltlich produzieren und dass es unklug, wenn nicht gar fatal ist, daran vorbeizugehen.

Florian Drücke: Wenn wir über Fragen des Level Playing Fields reden, dann reden wir über eine grundsätzliche, branchenübergreifende Regulierung auf einem etwas abstrakteren Niveau. Wir sehen es deshalb mit großer Sorge, dass man zum Beispiel bei der Diskussion um eine angemessene Vergütung in Deutschland oder auf europäischer Ebene politisch eher bereit ist, sich in klein-klein Diskussionen über Regulierung einzulassen als die Grundzüge klarzuziehen, um ein ökonomisches Miteinander zu gestalten. Bei individuell ausgehandelten Verträgen zwischen Künstlern und Plattenfirmen ist man bereit, in eine Diskussion zu springen, aber wenn man dann auf eine Plattform wie YouTube verweist, heißt es schnell, dass man nichts in der digitalen Welt besser nichts überregulieren wolle. Von der Argumentation her passt das nicht zusammen.

Wie sieht es im Bereich der Förderung aus: Das BKM steckt bereits mehr Geld in musikalische Maßnahmen, die EU-Kommission kündigte im Rahmen der Midem ebenfalls ein Programm an, ist hier bereits alles erreicht oder geht in der neuen Legislatur noch mehr?

Dieter Gorny: Was das BKM und die musikalischen Förderstrukturen angeht, geht es zunächst einmal nicht um die Frage nach einem mehr an Fördergeldern, sondern vielmehr um Konstanz. Wir haben von einem engagierten Parlament einen deutlichen Zuschlag bekommen, der ist jedoch - die parlamentarische Fachsprache nennt das Ermächtigung - in diesem Haushaltsjahr gedeckt, im nächsten aber nicht. Deshalb müssen wir erst sehen, ob wir das so fortsetzen können. Die Gespräche dazu sind gut und von viel Wohlwollen begleitet, schließlich haben wir es auch mit einer wichtigen Arbeit zu tun, die die Initiative Musik leistet. Ich bin deshalb recht optimistisch, dass wir diese Gelder auch weiterhin bekommen.

Gibt es noch andere Maßnahmen als die Förderung?

Florian Drücke: Man sollte einmal über steuerliche Anreize nachdenken. Die Gamesbranche hat diesen Ansatz gerade sehr stark ausgearbeitet. Das muss und kann eine Förderung wie die über die Initiative Musik nicht ersetzen, kann aber Investments stimulieren, wie wir etwa am Beispiel Frankreichs bereits gesehen haben.

Dieter Gorny: Das wäre eine konkrete wirtschaftliche Förderung, mit der sich die Hoffnung auf mehr Gründer- und Unternehmertum und eben auch auf mehr Wachstum verknüpft. Das ist einer unserer Wünsche für die kommende Legislatur.


Quelle: MusikWoche / http://www.mediabiz.de/musik/news/dieter-gorny-florian-druecke-es-geht-nicht-ohne-inhalte/419662

Kontakt

Sigrid Herrenbrück
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
+49 (30) 59 00 38-44
Photo of