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©BVMI/Markus Nass

Wir brauchen eine Strategie für die Kreative Ökonomie!

Vor allem mit Blick auf die relativ kurze Zeitspanne, innerhalb derer sich die Digitalisierung vollzieht, ist sie sicher eine der größten Umwälzungen, mit denen sich eine Gesellschaft bisher befassen musste. Entsprechend immens sind die Herausforderungen, vor die sie uns stellt, und die Transformationsprozesse, in die sie mehr oder weniger alle Branchen zwingt. Gleichzeitig, das ist die andere Seite der Medaille, ist sie ein enormer Innovationstreiber und sortiert alle Lebens- und Arbeitsbereiche neu.

Deshalb müssen wir Strategien für die digitale Welt entwickeln, die ökonomisches Wachstum und gesellschaftliches Miteinander möglich machen. Das Bundeswirtschaftsministerium hat mit der Digitalen Strategie 2025 bereits eine solche vorgelegt und mit dem Grünbuch Digitale Plattformen auch einen zentralen Diskussionsprozess in Gang gesetzt. Auch einige für unsere Branche sehr wichtige Bereiche wie Haftungsfragen und der Value Gap werden adressiert, hier sind wir in jüngster Zeit auch insgesamt weit gekommen. Um das prominenteste Beispiel zu nennen: Der „Value Gap“, ein von der Musikbranche gesetztes Thema, ist auf EU-Ebene angekommen und hat seinen Eingang in den Entwurf der EU-Kommission zur Harmonisierung des Urheberrechts gefunden, der Mitte September vorgestellt wurde. Am selben Tag hob Kommissionspräsident Juncker in einer viel beachteten Rede hervor, die Erstellung von kreativen Inhalten sei kein Hobby, sondern ein Beruf – eine wichtige Klarstellung aus der Perspektive der Kreativbranchen!

Das alles ist gut und ein durchaus erfolgreicher politischer Bewusstseinssprung, zeigt aber zugleich, wie sehr der komplexe Prozess der Digitalisierung bisher vor allem durch die Brille der Technologiebranchen gedeutet und bewertet wurde - und noch immer wird: Dass die Bundesbildungsministerin im Rahmen des kürzlich angekündigten, 5-Milliarden-Euro schweren DigitalPaktD alle Schulen in Deutschland mit Computern und WLAN ausstatten möchte, ist selbstverständlich richtig. Dass für dieses Großprojekt auch das im Kultur- und Bildungsbereich bestehende Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern nicht gelten soll (denn der Bund will nur die Infrastruktur stellen, die Länder sollten die dafür nötigen Konzepte und die Ausbildung der Lehrkräfte finanzieren), ist meines Erachtens ebenfalls richtig. Dass das alles aber einmal mehr allein zugunsten infrastruktureller Maßnahmen möglich ist und nicht – zumindest auch – mit Blick auf inhaltlich-kreative Fächer wie etwa Kunst und Musik geschieht, ist ein Fehler.

Alle Versuche, die vor uns liegenden Entwicklungen und Neuordnungen zu organisieren, sind zur Halbherzigkeit verdammt, wenn man die Seite der Inhalteproduzenten, also die Contentbranchen, nicht grundsätzlich und vollumfänglich in alle strategischen Überlegungen, die die digitale Transformation betreffen, einbezieht.

Es ist offensichtlich, und doch scheint das Verständnis dafür immer noch unterentwickelt zu sein, dass es nicht reicht, nur auf die Technologie zu setzen. MP3 und der iPod allein wären keine Erfolgsgeschichte geworden! Es brauchte die Musik, iTunes und das sich verändernde Konsumentenverhalten hin zu mehr Mobilität und Individualität. Solche Erkenntnisse müssen in eine entsprechende Strategie einfließen. Die Kreativbranchen sind hochgradig abhängig von der Digitalisierung, sie stecken tief im Transformationsprozess, gleichzeitig kommen aus ihren Reihen aber auch die entscheidenden Innovationsimpulse der Digitalisierung. Insofern müssen sie selbstverständlich in die Entwicklung der Digitalen Agenda eingebunden sein! Unsere Branchen, die Kreativbranchen, sind für 145 Milliarden Euro Umsatz im Jahr verantwortlich. Wir stellen Produkte her, die auf der Wertschöpfungsskala weit über den rein ökonomischen Wert hinausgehen. Die zusätzlichen emotionalen, kulturellen und natürlich die sozialen, also gesellschaftlichen Wertstellungen sind kaum hoch genug einzuschätzen.

Trotzdem müssen sie in ihrer Gesamtbedeutung noch viel besser erkannt werden: Zum einen als zweiter unabdingbarer Reifen an der Achse der Digitalisierung, zum anderen als ein hochgradig prägender Bereich, als Identifikationsmoment und dadurch gleichzeitig zentrales Bindemittel der Gesellschaft. Alle bisherigen Strategien sind zu einseitig auf die technologischen Aspekte und Branchen fokussiert. Es braucht deshalb eine Digitale Strategie auch für die Kreative Ökonomie, um diese Tatsachen bewusster und insgesamt besser politisch umsetzen zu können. Denn nur dann kann man das gesamte Potenzial der Kreativbranchen wirklich nutzbar machen, ökonomisch, kulturell und gesellschaftlich.

Dazu müssen wir zum Beispiel endlich lernen, Innovationen, große Branchentransformationen und urbane Veränderungen als ein Ganzes zu sehen. Wir müssen endlich lernen, die einzelnen Bestandteile der Kreativen Ökonomie gemeinsam zu organisieren. Wir müssen endlich begreifen, dass die Kreative Ökonomie ein Wirtschaftszweig ist, ohne den die Digitalwirtschaft keine Inhalte hätte und also an vielen Stellen ein reiner Selbstzweck wäre. Und wir brauchen mehr Daten und Fakten zu den ökonomischen Realitäten.

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Sigrid Herrenbrück
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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