Musiknutzung

Radio bleibt das bevorzugte Medium, um Musik zu hören. Immer mehr Zeit wird aber auch mit Premium-Audio-Streaming verbracht. Musik von pysischen Tonträgern hören Musikfans durchschnittlich 1,5 Stunden pro Woche.

Das wöchentliche Zeitbudget, das die Onlinebevölkerung zwischen 16 und 70 Jahren 2020 in Deutschland pro Woche in „Musikhören“ investiert hat (Abb. 15), betrug der „Studie zur Musiknutzung in Deutschland“ zufolge 19:43 Stunden gegenüber 20:36 Stunden im Jahr 2019. Ob und inwieweit dies eine Auswirkung der Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie ist, etwa weil durch die Shutdowns 2020 für viele der Arbeitsweg entfiel, der für das Musikhören eine große Rolle spielt (1), oder ob es mit einem pandemiebedingten Umschwenken auf nachrichtliche Inhalte zusammenhängt, lässt sich aus den uns zur Verfügung stehenden Daten derzeit nicht ersehen.

Der mit 40,5 Prozent und damit fast 8 Stunden weit überwiegende Teil der Zeit entfiel 2020 auf das terrestrische Radio. Dies entspricht etwa einer halben Stunde weniger als 2019 (8:35 Std.). (2)

Etwas zugenommen hat dagegen die Bedeutung von Online-Radio. Pro Woche wurde es im Durchschnitt 2:50 Stunden bzw. 14,4 Prozent der Zeit zum Musikhören genutzt. 2019 waren es noch 2:32 Stunden bzw. 12,3 Prozent gewesen.

Damit sind in Deutschland terrestrisches Radio und Online-Radio die beiden wichtigsten Quellen, über die Musik gehört wird.

Platz 3 belegen „Gespeicherte digitale Musikdateien“. Pro Woche wurden sie im Durchschnitt 2:38 Stunden lang gehört, ein Anteil von 13,4 Prozent an der Musiknutzungszeit. Das ist nur etwas weniger als im Jahr 2019 (2:50 Std. bzw. 13,8 %).

MIT PREMIUM-AUDIO-STREAMING WURDE MEHR ZEIT VERBRACHT

Premium-Audio-Streaming ist 2020 wichtiger geworden: Musikhörer:innen verbrachten damit pro Woche etwa eine halbe Stunde mehr (2:35 Std.) als noch 2019 (2:08 Std.). Von der wöchentlichen Musiknutzungszeit entfielen damit 2020 gut 13 Prozent auf Premium-Audio-Streaming (2019: 10,4 %).

Unter den meistgenutzten Quellen des Musikhörens erreichten physische Tonträger 2020 Platz 5. Pro Woche liefen sie im Durchschnitt 1:30 Stunden und damit 10 Minuten weniger als 2019 (1:40 Std.). In diesem Umfang hat auch die Bedeutung von YouTube als Quelle für Musik nachgelassen. War es 2019 mit 1:17 Stunden noch auf 6,2 Prozent der durchschnittlichen wöchentlichen Zeit gekommen, die mit Musikhören verbracht wurde, waren es 2020 1:07 Stunden bzw. 5,7 Prozent.

Das kostenlose Audio-Streaming kam 2020 noch auf eine durchschnittliche wöchentliche Nutzungszeit von 45 Minuten. Das ist etwas weniger als 2019 (53 Minuten). Mit „Anderem Video-Streaming“ (also allen neben YouTube noch existierenden Video-Streaming-Plattformen) wurden noch 6 Minuten verbracht, nachdem es 2019 insgesamt 10 Minuten gewesen waren. Der Stellenwert von Live-Konzerten ging durch die Coronapandemie ebenfalls stark zurück. Entfiel darauf 2019 noch etwa eine halbe Stunde der durchschnittlichen wöchentlichen Musiknutzungszeit (2,5 %), sank dieser Wert auf 9 Minuten (0,8 %) im Jahr 2020.

ABB. 15: Hörgewohnheiten in Deutschland in einer typischen Woche

YOUTUBE BLEIBT ZWEITWICHTIGSTER ON-DEMAND-NUTZUNGSKANAL – DAS TRÄGT WENIGER ALS 4 PROZENT ZUM UMSATZ BEI

Bei ausschließlicher Betrachtung von On-Demand-Streaming kommt dem Premium-Audio-Streaming die größte Bedeutung zu (56,5 %), gefolgt von YouTube (24,5 %) und kostenlosem Audio-Streaming (16,5 %), während Anderes Video-Streaming den letzten Platz belegt. Die nach wie vor große Rolle, die YouTube für den Musikkonsum hat, schlägt sich noch immer nicht entsprechend im Brancheneinkommen nieder. Der Blick auf die Umsätze im Jahr 2020 (vgl. Kapitel „Umsatz“, Abb. 1) zeigt, dass Musik-Streaming über Video-Dienste wie YouTube für weniger als 3,8 Prozent der Einnahmen steht, während inzwischen 63,4 Prozent über Audio-Streaming-Dienste erzielt werden.

Hier zeigt sich noch immer das Problem des sogenannten Value Gap: Audio-Streaming-Dienste wie Spotify, Apple, Deezer oder Amazon erwerben am Markt Lizenzen für die Musik, die sie zugänglich machen. Plattformen wie YouTube tun dies hingegen bisher nicht. Die Kreativen und ihre Partner:innen werden daher nicht angemessen an den Gewinnen beteiligt, die YouTube z.B. durch die von den User:innen hochgeladene Musik durch Werbeschaltungen generiert.

Das zu ändern, war ein wesentliches Anliegen und Ziel der 2019 vom Europäischen Parlament verabschiedeten Urheberrechtsrichtlinie, auch „DSM-Richtlinie“ genannt (DSM = Digital Single Market bzw. Digitaler Binnenmarkt): Der europäische Gesetzgeber hat hier die verschiedenen Interessen von Plattformen, Verbraucher:innen und Rechteinhaber:innen in einen Ausgleich gebracht und dabei berücksichtigt, dass der digitale Lizenzhandel die Lebensader der Kreativwirtschaft ist und dies endlich auch im digitalen Raum für alle klar und verbindlich verankert werden muss. Auch und gerade mit Blick auf Online-Plattformen, auf denen die kreativen Inhalte anderer massenhaft genutzt und/oder bearbeitet werden. Länder wie Frankreich oder die Niederlande setzen die europäische Direktive in diesem Sinne um. In Deutschland dagegen sieht der auf dem Tisch liegende Gesetzentwurf ein eigenes Regelungskonstrukt vor, das die Rechtsposition von Künstler:innen und den mit ihnen partnerschaftlich zusammenarbeitenden Musikfirmen wieder schwächt. Unter anderem, indem ihnen die Kontrolle über wesentliche Teile ihrer Inhalte entzogen wird und man tief in die Vertragsfreiheit eingreift. Das stellt die deutsche Kreativwirtschaft nicht nur schlechter gegenüber ihren europäischen Kolleg:innen; Sonderregelungen in einzelnen Ländern widersprechen auch per se dem Anliegen der DSM-Richtlinie, ein harmonisiertes Urheberrecht für den europäischen digitalen Binnenmarkt zu schaffen. Die Kritik der Branche an diesem Gesetzentwurf ist entsprechend groß. Inwieweit der deutsche Gesetzgeber noch einmal reagiert, war bei Redaktionsschluss dieses Jahrbuchs Anfang Mai 2021 noch nicht absehbar.

 

BESONDERS ÄLTERE HALTEN RADIO DIE TREUE

Das Nutzungsverhalten von Männern und Frauen bei der Art, Musik zu hören, unterscheidet sich ein wenig. So verbrachten Männer 2020 etwas mehr als die Hälfte ihrer Musiknutzungszeit mit dem Radio (52 %, Abb. 16). Bei Frauen war dieser Anteil etwas höher (59 %). Dafür wurden die anderen Medien in der Regel etwas stärker von Männern genutzt.

Die Wege, über die Musik gehört wird, sind je nach Altersgruppe unterschiedlich beliebt. Hören beispielsweise 65- bis 70-Jährige Musik, so geschieht das in mehr als zwei Dritteln der Zeit (69 %) über das Radio. Die am zweithäufigsten genutzten Medien sind in dieser Altersgruppe sowohl physische Tonträger als auch gespeicherte digitale Musikdateien. Nur rund 7 Prozent der Zeit entfiel in dieser Altersgruppe auf Audio-Streaming.

In den jüngeren Altersgruppen zeigen sich mehrere Tendenzen: Die Nutzung des Radios geht mit jeder jeweils jüngeren Altersgruppe ein wenig mehr zurück, während die Nutzung von Audio-Streaming und Video-Streaming zunimmt.

Die 55- bis 64-Jährigen hören Musik in fast zwei Dritteln der dafür verwendeten Zeit (64 %) über das Radio. Bei den 45- bis 54-Jährigen sind es 57 Prozent, zugleich spielen bei ihnen Audio-Streaming und gespeicherte digitale Musikdateien schon eine etwas größere Rolle als in den beiden älteren Altersgruppen. Dieser Trend verstärkt sich weiter bei den 35- bis 44-Jährigen und den 25- bis 34-Jährigen. Bei den 16- bis 24-Jährigen schließlich haben Radio und physische Tonträger nur noch eine sehr geringe Relevanz, während in keiner anderen Altersgruppe dem Audio-Streaming und den gespeicherten digitalen Musikdateien eine vergleichbar große Bedeutung zukommt.

ABB. 16: Hörgewohnheiten in Deutschland Prozentuale Anteile des Musikhörens in einer typischen Woche nach Geschlecht und Alter

JIM-Studie 2020: IMMER MEHR HAUSHALTE HABEN EIN MUSIK-STREAMING-ABO

Einen zusätzlichen Einblick in die Nutzungswelt von Jugendlichen ermöglicht die JIM-Studie 2020 (3): Hier steht der Medienumgang von 12- bis 19-Jährigen im Mittelpunkt. Der Studie zufolge verfügten 2020 etwas mehr als drei Viertel (76 %) der Haushalte mit Jugendlichen dieses Alters über ein Musik-Streaming-Abonnement. 2019 waren es nur etwas mehr als zwei Drittel der Haushalte (68 %), was einen Zuwachs um 8 Prozentpunkte im Jahr 2020 bedeutet. Einen höheren Verbreitungsgrad haben sonst nur Video-Streaming-Dienste mit 84 Prozent.

Der technische Fortschritt macht sich bei Betrachtung des Gerätebesitzes auch beim Musikkonsum der Jugendlichen bemerkbar. Sie haben zum einen weniger MP3-Player (31 %) als noch 2019 (33 %) (4). Zum anderen verfügen nun 15 Prozent der 12- bis 19-Jährigen über eine Streaming-Box. 2019 waren es nur 9 Prozent gewesen. Etwa im selben Umfang hat die Verbreitung von Smartspeakern zugenommen.

Die JIM-Studie zeigt außerdem, dass bei der täglichen Mediennutzung Jugendlicher Smartphone, Internetnutzung und Musik an erster Stelle stehen. 80 Prozent von ihnen hören täglich Musik, 93 Prozent mehrmals pro Woche. (5)


FUßNOTEN

  1. 1) Music Consumer Insight Report 2018. London: International Federation of the Phonographic Industry (IFPI), 2018, S. 6

    2) Die Vergleichszahlen für 2019, auf die sich der Text bezieht, sind ebenso wie die Zahlen für 2020 der Langzeituntersuchung „Studie zur Musiknutzung in Deutschland“             entnommen. Aus Platzgründen wird das Jahr 2019 an dieser Stelle nicht grafisch dargestellt, sondern im Folgenden kurz aufgelistet. Die 2019 mit Musikhören verbrachte Zeit betrug in einer durchschnittlichen Woche 20:36 Stunden und verteilte sich auf die verschiedenen Nutzungswege wie folgt: Radio/ Rundfunk (8:35 Std./41,7 %), Radio/Online (2:32 Std./12,3 %), Gespeicherte digitale Musikdateien (2:50 Std./13,8 %), Premium-Audio-Streaming (2:08 Std./10,4 %), Physische Tonträger (1:40 Std./8,1 %), YouTube (1:17 Std./6,2 %), kostenloses Audio-Streaming (0:53 Std./4,3 %), Anderes Video-Streaming (0:10 Std./0,8 %), Live-Konzerte (0:31 Std./2,5 %). Ausführlichere Angaben finden sich hier: www.musikindustrie.de/fileadmin/bvmi/upload/05_Presse/01_Pressemitteilungen/2020/200916_Basisfolien_5._Welle_final.pdf

    3) JIM-Studie 2020. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Stuttgart: Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, Dezember 2020, S. 7

    4) Ebd., S. 8

    5) Ebd., S. 14