Umsatz

Deutschlands Musikindustrie ist 2019 nach zwei leicht rückläufigen Jahren wieder gewachsen, und zwar deutlich. Einnahmen aus digitalen Geschäftsfeldern stiegen erstmals auf mehr als 1 Milliarde Euro. Und auch die Vinyl-Umsätze legten nach einer kurzen Pause wieder zu.

Bereits die ersten sechs Monate hatten ein gutes Gesamtjahr 2019 für die deutsche Musikindustrie erwarten lassen. Und tatsächlich war schließlich das größte Umsatzplus seit mehr als zwei Jahrzehnten zu vermelden: Nach den beiden minimal rückläufigen Jahren 2017 und 2018 wuchs die Musikindustrie hierzulande 2019 um insgesamt 8,2 Prozent. Die Einnahmen lagen bei insgesamt 1,623 Milliarden Euro (Abb. 2). Damit folgt der viertgrößte Musikmarkt der Welt einer positiven Entwicklung, die auch global zu beobachten ist.

ABB. 1: Umsatzanteile aus dem Musikverkauf 2019, Physisch / Digital

DEUTSCHLAND HAT 2019 AN DIE WACHSTUMSDYNAMIK DER INTERNATIONALEN MÄRKTE ANGESCHLOSSEN

2019 verlagerten sich die Umsätze weiter in den digitalen Raum. Wurden im Jahr 2018 mit digitalen Musikformaten erstmals höhere Einnahmen erzielt als mit physischen, befindet sich diese Entwicklung kurz vor einer weiteren wichtigen Marke: Digitale Formate sorgten 2019 für beinahe zwei Drittel des Gesamtumsatzes (64,4 %, Abb. 1), physische entsprechend noch für etwas mehr als ein Drittel (35,6 %). Damit sind die Einnahmen in digitalen Geschäftsfeldern deutlich gestiegen (+20,8 %), während sie bei physischen Tonträgern gesunken sind (–8,9 %). Auf internationaler Ebene hatte das Digitalgeschäft bereits 2017 einen Umsatzanteil von rund zwei Dritteln. Die vergleichsweise große Treue deutscher Musikfans zu physischen Tonträgern hat somit in den vergangenen Jahren eine weltweit schon seit geraumer Zeit zu beobachtende Entwicklung hierzulande lediglich verzögert.

Audio-Streaming hat 2019 erneut einen deutlichen Zuwachs verzeichnet. Das Plus betrug 27,0 Prozent (Abb. 4) im Vergleich zu einem Anstieg um 33,5 Prozent im Jahr 2018. Damit sorgt Audio-Streaming nun allein für mehr als die Hälfte der Brancheneinnahmen (55,1 %, Abb. 1). In absoluten Zahlen wurden 2019 insgesamt 895 Millionen Euro (Abb. 4) in diesem Geschäftsfeld generiert. Die CD bleibt mit fast einem Drittel des Gesamtumsatzes (29,0 %, Abb. 1) dennoch nach wie vor ein bedeutendes Marktsegment.

Bei Downloads setzte sich die negative Entwicklung der vergangenen Jahre fort: Sie sorgten 2019 für 6,2 Prozent des Branchenumsatzes (Abb. 1), 2018 waren es noch 7,8 Prozent und 2017 9,9 Prozent.

LIZENZEINNAHMEN UND GVL-ERTRÄGE

Synchronisation, sprich: Musik im Fernsehen, in Filmen, Spielen oder Werbung, sorgte auch 2019 für Lizenzeinnahmen. Mit etwa 8 Millionen Euro fielen diese Umsätze allerdings geringer aus als 2018 (10 Mio. Euro, Abb. 2). Ein Blick auf die Jahre 2010 bis 2017 zeigt jedoch, dass sich die Höhe der Einnahmen 2019 im Vergleich durchaus sehen lassen kann (Abb.2).

Die Einnahmen aus GVL-Leistungsschutzrechten lagen von 2016 bis 2018 deutlich über denen der Vorjahre. Dies ist auf Sondereffekte durch Nachzahlungen, überwiegend im Bereich der Privatkopie, zurückzuführen. 2019 ist jedoch von einem Ausklang dieser Sondereffekte auszugehen, weshalb die Lizenzerlöse der GVL voraussichtlich auf 213 Millionen Euro sinken werden.

ABB. 2: Gesamtumsatz aus Musikverkauf, Synchronisation und Leistungsschutzrechten 2010–2019 in der Bundesrepublik Deutschland

CDs WEITER ZURÜCKGEGANGEN, UMSÄTZE MIT VINYL-LPs STEIGEN WIEDER

Auch 2019 ist der Umsatzanteil von CDs weiter zurückgegangen. Nachdem er 2018 bei etwa 36 Prozent gelegen hatte, waren es 2019 nur noch 29 Prozent. Der Rückgang fiel mit 10,6 Prozent allerdings nur etwa halb so hoch aus wie 2018 (–20 %). Insgesamt steht die CD 2019 mit 472 Millionen Euro (Abb. 3) noch immer für einen erheblichen Teil der Musikumsätze und hat damit nach wie vor einen großen Stellenwert für die Fans und für die Branche.

Bei Vinyl-LPs hat der Umsatz hingegen ein neues 10-Jahres-Hoch erreicht: Er lag 2019 bei 79 Millionen Euro (Abb. 3). Das entspricht nach 70 Millionen Euro im Jahr 2018 einem Plus von 13,3 Prozent. Damit setzt die Schallplatte, die 2018 erstmals seit 2007 leicht sinkende Umsätze verzeichnet hatte, ihr Wachstum fort. Allerdings bleibt es eine Dynamik in der Nische – Vinyl-LPs standen 2019 für 4,9 Prozent des Gesamtumsatzes, sorgen also nur für jeden zwanzigsten mit Musikaufnahmen verdienten Euro.

Anders als bei Vinyl ist bei Musikvideos auf DVD, VHS und Blu-Ray ein fortschreitender Umsatzrückgang zu beobachten. Nach Einnahmen in Höhe von 33 Millionen Euro im Jahr 2018 erzielten Musikfirmen hier 2019 nur 22 Millionen Euro, was einen Rückgang um 31,8 Prozent bedeutet. Zum Vergleich: Im Jahr 2010 war dieser Umsatz noch etwa fünfeinhalbmal so hoch (Abb. 3).

Die Single war 2018 der Tonträger, der mit fast 41 Prozent am stärksten an Umsatz eingebüßt hatte. 2019 allerdings verzeichnete sie seit Langem erstmals wieder einen Zuwachs: Mit einem Plus von 8,7 Prozent wurden hier rund 3 Millionen Euro eingenommen (Abb. 3). Noch deutlicher zugelegt haben die Einnahmen aus Verkäufen von Musikkassetten (MC), die um mehr als die Hälfte (51,1 %) gestiegen sind. Bei einem Umsatz von etwa 1 Million Euro und damit weniger als 0,1 Prozent des Gesamtumsatzes kann hier jedoch nur von einem Wachstum in einer winzigen Nische gesprochen werden.

ABB. 3: Umsatzentwicklung der physischen Tonträger 2010–2019

DAS DIGITALGESCHÄFT: EINNAHMEN AUS STREAMING ÜBERTREFFEN DOWNLOAD-UMSÄTZE UM DAS NEUNFACHE

Wie in den Jahren zuvor ist das Digitalgeschäft 2019 um mehr als ein Fünftel (20,8 %, Abb. 4) gewachsen. Die Zuwachsrate ist damit gegenüber den Vorjahren zwar leicht gesunken (2018: +21,2 %, 2017: +22,7 %), doch haben die Umsätze mit digitalen Tonträgern 2019 erstmals die Marke von 1 Milliarde Euro überschritten (1,046 Mrd. Euro, Abb. 4). Im Jahr 2010 hatten sie dagegen nur etwa ein Fünftel des Betrages von 2019 ausgemacht (204 Mio. Euro, Abb. 4).

2019 gab es im Digitalgeschäft zwei Wachstumssegmente: Zum einen war dies das Audio-Streaming, zum anderen legte der Bereich „Sonstiges“ zu, der Video-Streaming-Plattformen, Mobile (Realtones, Ringbacktones) und Cloud-Services umfasst (Abb. 4).

Die Einnahmen aus Audio-Streaming-Angeboten hatten 2017 erstmals die Schwelle von 500 Millionen Euro überschritten, 2019 haben sie sich demgegenüber mit knapp 900 Millionen Euro fast verdoppelt (Abb. 4). Im Vergleich zu 2018 bedeutet dies ein Wachstum von 27 Prozent. Damit fällt das Plus zwar etwas geringer aus als 2018 (+33,5 %), doch ist das Ausgangsniveau inzwischen deutlich höher.

Der Zuwachs in der Nische „Sonstiges“ auf 51 Millionen Euro – ein Plus von insgesamt gut 28 Prozent (Abb. 4) – ist primär auf Video-Streaming-Angebote zurückzuführen, die zusammen mit Ringbacktones und Cloud-Services allerdings für kaum mehr als 3 Prozent des Branchenumsatzes stehen.

Mit Downloads wurden 2019 100 Millionen Euro verdient (Abb. 4) und damit in Bezug auf den Gesamtumsatz nur noch etwa jeder sechzehnte Euro. Das Einnahmenverhältnis zwischen Download-Alben und Download-Singles liegt ungefähr bei 60 : 40. Außerdem wurden in beiden Bereichen Umsatzrückgänge von jeweils mehr als 16 Prozent verzeichnet (Abb. 4).

Bei einem Vergleich der Einnahmen aus Downloads und Audio-Streaming ergibt sich ein Verhältnis von fast exakt 10 : 90: Von 100 Euro Einnahmen im Digitalgeschäft stammen 10 Euro aus verkauften Downloads und knapp 90 Euro aus Audio-Streaming (Abb. 4).

ABB. 4: Umsatzentwicklung digitaler Musikverkäufe 2010–2019

UMSATZ MIT POP INTERNATIONAL BAUT SEINEN VORSPRUNG GEGENÜBER POP NATIONAL AUS

Die Analyse der Umsatzzahlen 2019 zeigt auch, welche der Teilmärkte besonders umsatzträchtig waren und welche weniger zu den Einnahmen beigetragen haben.

Der Begriff „Pop“ gilt an dieser Stelle als Oberbegriff für alle populären Musikrichtungen in Abgrenzung zur Klassik. Anders als im Kapitel „Repertoire & Charts“ zählen dazu beispielsweise auch die Genres Rock, Schlager, Hip-Hop und andere. „Pop National“ wiederum umfasst zu einem geringen Teil auch internationale Bands, die aber bei einer deutschen Musikfirma unter Vertrag stehen und daher – unabhängig von ihrer Herkunft – in Deutschland zu den Umsätzen beitragen.

Die Umsätze im Bereich Pop National sind im vergangenen Jahr erneut gestiegen, und zwar um 3,1 Prozent auf insgesamt 526 Millionen Euro (Abb. 5). Zum Vergleich: 2018 lag das Plus bei nur 1,8 Prozent und 2016 und 2017 war sogar jeweils ein Minus zu verzeichnen. Die zunehmende Popularität des Audio-Streamings zeigt sich auch hier: Mehr als die Hälfte der Einnahmen (51 %, Abb. 5) wurde 2019 durch Audio-Streaming generiert – zwei Jahre zuvor war es mit 30 Prozent noch weniger als ein Drittel.

Noch deutlicher als bei Pop National fiel das Umsatzplus bei Pop International aus: Die Einnahmen stiegen hier auf etwa 800 Millionen Euro, was einem Plus von fast 16 Prozent entspricht (Abb. 5). 2018 hatte Pop International dagegen nur um 0,5 Prozent bzw. 6 Millionen Euro zugelegt, was allerdings rückblickend wie eine Ausnahme wirkt, denn auch in den Jahren 2016 und 2017 waren jeweils deutliche Umsatzsprünge nach oben zu verzeichnen.

Der direkte Vergleich zeigt: Nach wie vor wird mit Pop International (805 Mio. Euro, Abb. 5) mehr Geld verdient als mit Pop National (526 Mio. Euro). Das war bereits in den Jahren 2016 bis 2018 der Fall. In diesem Bereich werden inzwischen sogar zwei Drittel der Einnahmen (65,9 %) durch Audio-Streaming erzielt, 2018 waren es noch 58 Prozent.

Damit hat die Bedeutung des Audio-Streamings in beiden Teilmärkten zugenommen, während Downloads weiter an Bedeutung verloren haben.

Am stärksten gesunken sind die Einnahmen mit TV-Compilations. Hier wurde ein Rückgang um mehr als ein Fünftel verzeichnet (–21,1 %, Abb. 5). In Summe lag der Umsatz bei 44 Millionen Euro und war damit um 11 Millionen Euro niedriger als 2018. Audio-Streaming hat auf diesem Teilmarkt nach wie vor keine Bedeutung.

Anders dagegen bei Kinderprodukten: Der Gesamtumsatz ist hier zwar nur leicht gestiegen (+0,8 %, Abb. 5) und liegt nun bei 156 Millionen Euro. Doch genau wie in den Bereichen Pop National und Pop International ist Audio-Streaming deutlich wichtiger geworden. Der Anteil an den Einnahmen stieg von 41 auf 57,8 Prozent.

Auch im Bereich Klassik wird Audio-Streaming immer wichtiger: 2019 sorgte es für 15,2 Prozent der Einnahmen (2018: 12 %). Insgesamt haben sich die Umsätze in der Klassik jedoch erneut verringert: 2019 betrugen sie nach einem Minus von 7,3 Prozent 39 Millionen Euro. Der Rückgang ist allerdings wesentlich geringer als im Vorjahr: 2018 waren die Umsätze um fast ein Viertel gesunken (–24 %).

ABB. 5: Umsatzentwicklung in den Teilmärkten 2018-2019

MARKTFORSCHER ÜBER DIE ZUKUNFT DER DEUTSCHEN MUSIKINDUSTRIE

Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ist in ihrer jährlichen Prognose im Februar 2020 noch davon ausgegangen, dass die Streaming-Einnahmen im Jahr 2022 für 79 Prozent des Gesamtumsatzes sorgen werden. Damit schriebe sich die Erwartung der letztjährigen Prognose (77 % im Jahr 2021) fort. Gleichzeitig hat die GfK angenommen, dass sich die Dynamik im Bereich Streaming mit den Jahren weiter abschwächt, sodass die prozentualen Zuwächse weniger deutlich ausfallen werden als bisher. Physischen Tonträgern hat sie, ebenfalls entlang der Erwartungslinie früherer Prognosen, eine weiter abnehmende Bedeutung zugewiesen: Sie sollten demnach in drei Jahren noch 18 Prozent zum Gesamtumsatz beitragen. Bei den Downloads hingegen ist mit 3 Prozent Anteil am Gesamtumsatz für das Jahr 2022 kein weiterer Rückgang prognostiziert worden; hier war man in der letztjährigen Prognose auch für das Jahr 2021 von 3 Prozent ausgegangen.

 

Insgesamt war nach den Prognosen im Februar 2020 mit Blick auf die Marktentwicklung für die deutsche Musikindustrie für die drei kommenden Jahre mit einem weiteren deutlichen Umsatzwachstum zu rechnen: Die Experten sind von Zuwachsraten zwischen 5 und fast 6 Prozent ausgegangen. Danach hätten Musikfirmen im Jahr 2022 hierzulande Einnahmen in Höhe von etwa 1,9 Milliarden Euro erzielt.

Mit dem Ausbruch der Corona-Krise in Europa und den damit verbundenen gesundheitspolitischen Maßnahmen zur Eindämmung der Virusausbreitung in Deutschland sowie in fast allen anderen Ländern der Welt liegt seit Mitte März 2020 das öffentliche Leben jedoch mehr oder weniger brach. Konzertveranstaltungen jeglicher Art sind verboten, es herrschen weitgehende Ausgangsbeschränkungen, Geschäfte sind mit Ausnahme von Lebensmittelgeschäften und Geschäften für den täglichen Bedarf geschlossen. Darüber hinaus gilt bundesweit seit dem 23. März ein umfassendes Kontaktverbot, was letztlich auch Studioproduktionen erschwert oder unmöglich macht. Damit wird die Prognose in den nächsten Monaten, wenn absehbar ist, wann welche Einschränkungen zumindest teilweise wieder gelockert werden, auf Basis neuer Daten und Erkenntnisse anzupassen sein.