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„Was hat Sie dazu bewogen, sich bei der Themis-Vertrauensstelle zu engagieren?"
Im Gespräch mit der neuen Themis-Präsidentin Martina Zöllner
Martina Zöllner, wurde im September dieses Jahres zur Präsidentin der Vertrauensstelle Themis gegen sexuelle Belästigung und Gewalt in der Kultur-, Musik- und Medienbranche berufen. Damit hat die Themis nach dem Ausscheiden der langjährigen Vorständin Eva Hubert einen neuen, nunmehr zweiköpfigen Vorstand. Im Juli war Maren Lansik, bis dahin Geschäftsführerin der Themis, zur Geschäftsführenden Vorständin berufen worden. Wir haben Martina Zöllner gebeten, uns Einblicke in ihre Vorhaben zu geben.
1. Wie haben Sie die Arbeit der Themis in Ihrer Zeit beim ÖR erlebt – spielt dieses Angebot in Ihrer Wahrnehmung für Mitarbeitende im Arbeitsalltag eine Rolle?
Die Angebote der Themis habe ich während meiner Zeit in der ARD vor allem aus der Presse und der Branche insgesamt wahrgenommen, weniger in meinem unmittelbaren Arbeitsumfeld. Aber ich habe ja auch deutlich länger bei der ARD gearbeitet, als es die Themis gibt.
2. Haben Sie den Eindruck, dass sich durch die Arbeit der Themis zwischen 2018 und heute Dinge in der Branche bewegt und verbessert haben?
Auf jeden Fall. Durch die Arbeit der Themis ist meiner Ansicht nach das Bewusstsein dafür gewachsen, dass man sexuelle Belästigung und Gewalt, dass man Diskriminierung nicht hinnehmen muss, dass jeder und jede Einzelne Möglichkeiten hat, sich zu verhalten, sich zu wehren, das fängt beim miteinander Reden oder beim Eingreifen an und hört, wo es nötig ist, vor Gericht auf. Dass so etwas wie ein Kulturwandel im Gange ist, merken wir alleine schon daran, dass uns immer mehr arbeitgebende Einrichtungen nach Präventionsschulungen fragen, da sind unsere Seminare fürs nächste Jahr fast schon ausgebucht.
Was MeToo hochgespült hat, war ein Schock, seither hat sich einiges getan. Nach meiner Wahrnehmung gibt es den Typus des „alten weißen“ chauvinistischen Chefs, den ich in meinen ersten Berufsjahren noch erleben durfte, immer weniger. Subtilere Formen der sexualisierten Herabwürdigung zum Beispiel von Frauen gibt es dagegen in allen Varianten, da staune ich immer wieder. Leider gibt es auch nach wie vor körperliche Belästigung bis hin zu Gewalttaten.
3. Was hat Sie dazu bewogen, sich hier zu engagieren?
In der sogenannten Kreativbranche, beim Film, im Theater, in der Kunst- und Musikproduktion, arbeitet man anders als in anderen Berufsfeldern. Emotionen sind Teil der Profession, körperliche Nähe, denken Sie an Schauspieler oder Tänzer, gehört zum Geschäft. Viele arbeiten frei, sind abhängig davon, Folge-Jobs zu kriegen. Außerdem ist man oft wochenlang in einem Team zusammen, Tag und Nacht, wie eine große Familie, da ist es manchmal besonders schwer, Grenzen zu ziehen. Ich war daher immer der Überzeugung, dass es eine Vertrauensstelle geben muss, an die sich Ratsuchende speziell aus der Kreativbranche wenden können, eine Stelle, die deren Spezifika kennt, die aber unabhängig ist, eben nicht Teil einer bestimmten Institution. Es ist manchmal einfach schwierig, sich als von sexueller Belästigung betroffene Person oder als Zeugin an Vorgesetzte, selbst an die Vertrauensstelle der Einrichtung zu wenden, in der man arbeitet. Die Themis gewährleistet unabhängige und vertrauliche Beratung und Begleitung. Dafür engagiere ich mich gern.
4.Welche Akzente wollen Sie in den kommenden Jahren setzen?
Die Themis und ihre Angebote noch bekannter machen, sie den Bereichen der Branche, die sie noch nicht nutzen, vorstellen, neue Mitglieder gewinnen, die Finanzierung der Themis sichern. In der Öffentlichkeitsarbeit und auf Social Media wollen wir noch ein bisschen wirksamer werden. Wir wollen unseren Anteil am öffentlichen Diskurs zum Thema leisten; die Kolleg:innen, die bei der Themis arbeiten, sind wirkliche Expert:innen.
5. In verschiedenen Gremien und Kontexten wird immer wieder die Erweiterung des Zuständigkeitsbereichs der Themis diskutiert, also neben Film-, TV-, Bühnen- und Musikbranche zum einen weitere Branchen zu integrieren sowie darüber hinaus Hochschulen in diesen Bereichen. Wäre das aus Ihrer Sicht erstrebenswert und realistisch?
Da sage ich klar: Sowohl als auch. Warum sollte die Themis nicht für alle Menschen da sein, die kreativ und künstlerisch arbeiten oder auch in solche Bereiche hineinwachsen, als Studierende an Musikhochschulen zum Beispiel? An den Hochschulen werden die Arbeitskräfte von morgen ausgebildet. Ihnen frühzeitig notwendige Skills und Kenntnisse mit auf den Weg zu geben, etwa über ihre Rechte, halte ich für sehr wichtig. Wir registrieren ein gestiegenes Interesse der künstlerischen Hochschulen insgesamt, dem wollen wir gerne gerecht werden. Wir müssten wahrscheinlich personell aufstocken, aber wenn wir mehr Mitglieder haben, ist das unter Umständen finanzierbar. Es wäre ja schön, die Themis bräuchte es nicht mehr, danach sieht es aber nicht aus. Ich will noch nicht soweit gehen, den durch Trump befeuerten backlash aus Amerika schon in unserer Branche zu erkennen, aber es gibt auch in unserer Gesellschaft Besorgnis erregende Tendenzen.
Mehr Informationen gibt es auf der Website: https://themis-vertrauensstelle.de/
